Frage: Wie lese ich das Alte Testament?

Wie lese ich das Alte Testament auf Werden wie Jesus

Frage:

Ein Leser schreibt:Wie lese ich das Alte Testament richtig? Warum ist es stellenweise schwerer das Alte Testament als das Neue Testament zu lesen? Welche Perspektive brauche ich, um zu verstehen, was Gott mir dadurch sagen möchte? Kann ich das Alte Testament auch ohne Geschlechtsregister verstehen? War der Gott des Alten Testaments ein anderer als im Neuen Testament? Warum ist das Alte Testament nicht weniger wichtig als das Neue Testament?

Ich habe die Frage an Roberto Palmer, einen guten Freund von mir geschickt. Roberto studiert gerade am Reformatorisch-Theologischem Seminar in Heidelberg. Wir hatten vor einiger Zeit über das Fach „Bibelkunde Altes Testament“ gesprochen und ich dachte mir, dass er die Frage besser beantworten kann als ich. Und das kann er tatsächlich.

Hier ist seine Antwort.

Antwort:

Um das Alte Testament beim Lesen besser zu verstehen, war es mir in vielerlei Hinsicht eine Hilfe, es durch die Brille eines Hebräers zu lesen. Ungefähr so, wie zur Zeit Jesu, als es das Neue Testament noch nicht gab. Wie verstand Jesus das Alte Testament?

Betrachten wir die Bibelstelle aus Luk 24,44: „Das sind die Worte, die ich zu euch geredet habe, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss, was im Gesetz Moses und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht“. Wir sehen, dass Jesus hier eine Dreiteilung vornimmt. Die jüdische Dreiteilung des Tanachs. Das Wort „Tanach“ (oder auch Tenach) ist eine Vokalisation der Konsonanten TNK. Diese bilden ein Akronym und stehen als Initialen für: Tora (Gesetz), Nevi‘im (Propheten), Ketuvim (Schriften). Psalmen ist in diesem Fall ein Synonym für die Weisheitsliteratur.

Für einen Juden ist der Dreh-, und Angelpunkt des Tanachs das Pentateuch, die fünf Bücher Mose, weil darin Gottes Bund mit Israel festgehalten wird. Diese werden als ein abgeschlossenes Gesamtwerk betrachtet, von dem das fünfte Buch, Deuteronomium, das Herzstück bildet.

Anders als wir vielleicht annehmen, beginnen nach jüdischem Verständnis die Propheten schon mit dem Buch Josua. Der Grund dafür ist, dass die Propheten im Tanach mehr als geschichtlich-prophetische „Predigten“ verstanden werden, welche sich auf Gottes Bund in der Tora beziehen. Die Weisheitsliteratur dagegen (Psalmen, Sprüche etc.) wenden das Gesetz ganz praktisch im alltäglichen Leben an. Josua steht für das Tor zu den Propheten, während der Psalter das Tor zu den Schriften darstellt. Wir können dies anhand der Schlüsselverse erkennen, welche wir in den Einleitungsworten der jeweiligen Gruppe finden. In Josua 1,8: heißt es: „Lass dieses Buch des Gesetzes nicht von deinem Mund weichen, sondern forsche darin Tag und Nacht, damit du darauf achtest, alles zu befolgen“. Während wir in Psalm 1,1-2 einen ähnlichen Wortlaut haben: „Wohl dem, der nicht wandelt nach dem Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern seine Lust hat am Gesetz des Herrn und über sein Gesetz nachsinnt Tag und Nacht.“ Auf diese Art und Weise sollen wir die Hauptstücke des Alten Testaments verstehen und die jeweiligen Gattungen dementsprechend behandeln.

Nachdem wir uns einen GoogleMaps-Überblick des Alte Testaments verschafft haben, wollen wir wieder reinzoomen und unsere Route durch das Alte Testament planen. Ich stelle oft fest, dass viele Einsteiger spätesten bei Levitikus, dem dritten Buch Mose, halt machen. Um dem entgegen zu wirken, ist hier eine gekürzte Fassung des Alten Testaments:

  • Genesis (Schöpfung, Fall und Gottes Bündnisse mit den Erzvätern)
  • Exodus (Israels Auszug aus der Knechtschaft und Entwicklung zu einer Nation)
  • Josua (Israels Einnahme des verheißenen Landes)
  • Richter (Israels Umwandlung vom Judikat zur Monarchie)
  • 1. Samuel (Israels Entwicklung zur Monarchie unter Saul und David)
  • 2 Samuel (Davids Königsherrschaft)
  • 1. Könige (Salomo und das gespaltene Königreich)
  • 2. Könige (Israels Fall)
  • Esra (Israels Rückkehr aus dem Exil)
  • Nehemia (Die Wiederherstellung Jerusalems)
  • Amos und Hosea (Beispiele der kleinen Propheten)
  • Jeremia (Beispiel eines großen Propheten)
  • Prediger (Weisheitsliteratur)
  • Psalter und Sprüche (Hebräische Poesie)

Joggt man einmal durch eine Gegend, ist sie einem viel vertrauter, wenn man diese im Nachhinein durch läuft. Ebenso verhält es sich mit dem Lesen. Ließt man diese Kurzfassung nach der vorgegebenen Reihenfolge, gewinnt man eine Grundidee vom Alten Testament und geht beim späteren Studium vertrauter damit um.

Aufgrund unserer menschlichen Einschränkung werden wir nie das ganze Alte Testament dau- ernd im Gedächtnis behalten können. Deshalb sind einige Basics nötig. Zwar ist alles in der Bibel wichtig, aber es gibt Passagen, welche wichtiger sind als andere, nämlich jene, welche inhaltlich dem Evangelium näher stehen.

Hier einige Schlüsselstellen: Schöpfung & Fall in Gen 1+2, sowie das Urevangelium in Gen 3,15; Gottes Bund mit Abraham (Gen 15+17); die 10 Gebote (Vgl. Ex 20 mit Deut 5); das Glaubensbekenntnis Israels (Deut 6); Davids Verheißung (2Sam 7); Christi Leidenspsalm 22; das vierte Knechtslied in Jes 53; Davids Bußpsalm 51 und für alle heiratsfreudigen Jünglinge: die tugendhafte Frau aus Spr 31!

Man könnte noch einige Abschnitte aufzählen, doch eine gesunde Kombination zwischen einem Gesamtüberblick, sowie der Kenntnis einiger Schlüsselstellen genügt, um weitere Glaubensschritte zu machen.

Nichtsdestotrotz sollten wir auf Empfehlung Jesu das Alte Testament rückwärts lesen; durch die Brille des Neuen Testaments. In der oben zitierten Schriftstelle erklärt Jesus das Alte Testament so, dass man es nur mit dem Blick auf Jesu Kommen richtig versteht (Vgl. dazu Vers 27). Viele fragen sich, warum Jesus nicht mit einem Mal, gleich zu Beginn auf die Erde kam um uns zu erlösen. Einer der Gründe liegt darin, dass Gott über die Jahrhunderte sein Volk geschult hat. Es mussten erst mal hunderte Jahre Könige, Priester und Propheten geben, damit auf den einen wahren König, Priester und Prophet hingewiesen werden kann. Israel musste erst mal Jahrhunderte die zeremoniellen Opferrituale einhalten, damit das eine große Opfer verstanden werden kann. Es mussten all jene Geschlechtsregister aufgelistet werden, weil sie auf den verheißenen Samen warteten, den Gott Adam und Eva in Gen 3,15 versprach. Ist das Alte Testament nicht ein einziges großes Warten auf Jesus Christus? Die ganze Schöpfung, Himmel und Erde, Engel wie Teufel sind darauf gespannt und begierig zu wissen wie Gott seinen Heilsplan durchführen wird. Wünschst Du Dir nicht manchmal für einen Augenblick das Alte Testament komplett zu vergessen, so als ob Du es noch nie gelesen hättest und Dir beim durchgehen erwartungsvoll die Fragen stellst: „Wer wird der verheißene Same sein? Was wird er machen? Was wird man mit ihm machen? Wie wird er daraufhin reagieren? Was nimmt es für ein Ende? Was passiert danach?“ Ist der Gedanke nicht aufregend, von neuem bei Mose anzufangen bis hin zu Apostel Paulus, der da schreibt: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, welche unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Sohnschaft empfingen.“ (Gal 4,4). Wer weiß, vielleicht solltest Du mit dieser Haltung das Alte Testament lesen.


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