Wie Gott die Türen öffnet

Wie Gott die Türen öffnet auf Werden wie Jesus

Es war in einer Zeit, in der es politisch wild zuging. Stahlhelm, die Eiserne Front, die Nazis und die Kommunisten hatten uniformierte Parteischaren, die sich in heißen „Saalschlachten“ bekämpften.

Da ging ich einmal etwas müde und verzagt durch die Straßen. Ich war junger Pfarrer in einem ganz marxistischen Bezirk in Essen. Die Menschen waren so verbittert und fanatisiert, dass sie das Wort von Jesus gar nicht hören konnten. Ich war sehr einsam und verlassen inmitten dieser dichtbevölkerten Mietskasernen.

Ach, Herr, lass mich doch deine Wunder sehen und schließe mir bei diesen Leuten die Tür auf!

Ein paar Schritte vor mir gingen zwei junge Männer. Der Eine trug die graue Uniform des „Rot-Front-Kämpfer-Bundes“. Ich sah die beiden in lebhafter Diskussion. Und dann musste ich seufzen: „Wie kann man denn wohl an solche Burschen herankommen?“ Und der nächste Gedanke war schon: „Warum sollte Gott nicht das Wunder tun und mir eine offene Tür bei solchen Menschen schenken?! Er sagte doch selbst in der Offenbarung ‚Ich bin der, der aufschließt, und niemand schließt zu‘.“ So bat ich meinen gegenwärtigen Herrn: „Ach, Herr, lass mich doch deine Wunder sehen und schließe mir bei diesen Leuten die Tür auf!“ Ich hatte allerdings keine Ahnung, wie das geschehen sollte.

Dann ging ich rascher. Ich überholte die Beiden. Im vorbeigehen hörte ich wie der Mann in der Uniform den anderen fragte: „Hast du nichts zu lesen für mich?“ Ich wurde fröhlich. Da war ja die offene Tür! Schnell drehte ich mich um und sagte: „Wenn du was zum Lesen willst, komm doch zu mir!“ Erstaunt musterte er mich. Dann fragte er mißtrauisch:
„Wer bist du denn?“
„Ich bin ein Pfarrer!“
Er lachte: „Ich bin auch ein Pfarrer!“
„Mensch, rede doch kein Unsinn! Du bist doch kein Pfarrer!“
Er lachte lauter: „Sollen wir wetten?“
Na, und dann stellte sich heraus, dass er Pfarrer hieß. Willy Pfarrer.
„Und ich heiße Willy und bin Pfarrer!“
Es sah aus, als ob sich ein munteres Gespräch anlassen wollte.

Da starrte er mich auf einmal entgeistert an, geradezu erschrocken. Dann sagte er: „Wann kann ich morgen zu Ihnen kommen?“ Ich nannte eine Zeit und er versprach zu kommen. Dann ging er schnell weg. Ich merkte ihm eine seltsame Erregung an.

Du liebe Zeit! Wie lange war ich schon in keiner Kirche mehr gewesen?

 Am nächsten Tag saß er in meinem Zimmer. Und er erzählte: „Im vorigen Jahr kam ich mal morgens am Weberplatz vorbei. Da strömte eine Menge Menschen in die Kreuzeskirche. Viele Männer feierlich mit dem Kalabreser auf dem Kopf. ‚Nanu‘ dachte ich, ‚da ist doch was los!‘ Neugierig ging ich die Stufen hinauf, um mal in die Kirche hineinzusehen. Aber da kam schon ein Schwall von Menschen und drückte mich nach vorn. Du liebe Zeit! Wie lange war ich schon in keiner Kirche mehr gewesen? Das Ende vom Lied war, dass ich eingekeilt ganz vorn im Mittelgang stand. Und als ich wieder hinaus wollte, fing die Orgel an und die Leute sagten, ich solle doch still sein. So kam’s, dass ich wider Willen einen Gottesdienst mitmachte.“

„Nun, und wie gefiel dir das?“ warf ich ein. Mir war während seiner Schilderung klar geworden, dass er von meinem Einführungs-Gottesdienst erzählte. Und das war mir nun – offen gestanden – sehr peinlich. An diesen Gottesdienst dachte ich nicht gern zurück. Da habe ich nämlich die kümmerlichste Predigt meines Lebens gehalten. Wie das so kommt: Am Tag vorher war der Möbelwagen eingetroffen und ich hatte die halbe Nacht hindurch meine Bücherei geordnet. Ich war erst 27 Jahre, jung und voller Hoffnung, dass mir im rechten Moment schon was einfallen würde.

Ich sah im Geist die vollgedrängte Kreuzeskirche wieder vor mir: Um den Altar standen die Fahnenträger von ungezählten Vereinen. Pfarrer im Ornat, Presbyter, Orgel, lange Liturgie. Dann sprach einer. Und dann noch einer. Und noch einer. Schon waren eine und eine weitere halbe Stunde vergangen. Die Fahnenträger wackelten bedenklich. Es fehlte in der überfüllten Kirche an Sauerstoff. Und dann musste ich auf die Kanzel. Die Leute waren schon so müde! Und mir stach ein Sonnenstrahl genau in die Augen, dass ich kaum etwas erkennen konnte. Da kann man wohl verstehen, dass das bißchen, das ich zu sagen mir vorgenommen hatte, mir auch noch entschwand. Recht unglücklich stand ich auf der Kanzel und war froh, als ich wieder unten war.

An der Predigt kann man sich nur schämen!

 Als ich mich setzte meinte meine liebe junge Frau: „An der Predigt kann man sich nur schämen!“ Ja, so war das damals. Und nun sitzt da vor mir ein junger, kluger Kommunist und erzählt mir, dass er „wider Willen“ in diesen Gottesdienst geraten ist. Jetzt werde ich also zum zweiten mal hören, welch erbärmlicher „Zeuge“ ich da gewesen bin. Aber – dann gehen mir die Augen über, als der Mensch weitererzählt.

Er hat keine Ahnung, was mich bewegt, als er berichtet: „Da stand ich also und war verzweifelt. Denn die Sache nahm und nahm kein Ende. Und als dann nochmal einer auf die Kanzel stieg, wollte ich mir den Ausgang erzwingen, ganz egal, was daraus würde. Doch dann sah ich, dass der da auf der Kanzel ein ganz junger Mann war in meinem Alter. ‚Den hörst du an‘ sagte ich mir. ‚Bin doch gespannt, was der weiß!‘ Und dann – ja, dann hat die Rede bei mir eingeschlagen, wie noch nie  etwas eingeschlagen hat.

Wenn ich doch einen Menschen fände, der mir einen anderen, neuen Weg zeigen könnte.

 Ich weiß nicht mehr, wie ich aus der Kirche gekommen bin. Ich weiß nur noch, dass ich einige Zeit brauchte, um den Eindruck zu vergessen, den die Rede auf mich gemacht hatte. Aber – schließlich war ich doch überzeugter Atheist. Ich wollte mich nicht dumm machen lassen …“ Er machte eine Pause. Ich wartete gespannt. Da fing er wieder an: „Ich will ganz offen sein. Sieh, ich bin der Gauleiter für die Trommler- und Pfeiferchöre von Rot-Front. Da hab‘ ich eine Menge Dirigenten unter mir, all die Leiter der Chöre im Ruhrgebiet. Und jedes mal, wenn einer Geburtstag hat, wird gefeiert. Na ja, da wird Schnaps getrunken. Ich kann nicht viel vertragen. Aber – was will man machen. Man muss mithalten. So kommt’s, dass ich fast jeden zweiten Tag benebelt nach Hause komme. Dabei geht meine Ehe in die Brüche. Und das ganze Leben ist verkehrt. Kurz – mir gefällt alles nicht mehr, wie ich es treibe. Und seit ein paar Tagen habe ich immer den Gedanken: Wenn ich doch einen Menschen fände, der mir einen anderen, neuen Weg zeigen könnte. Ja, mit diesem Wunsch schlage ich mich seit Tagen herum. Und da – genau da passiert es, dass der Mann mich auf der Straße anspricht, dessen Rede mich damals so getroffen hat. Wenn das nicht wunderlich ist … !“

Ja, nun mussten wir beide staunen. Er meinte, das sei ein wunderlicher „Zufall“. Ich erklärte ihm, dass hier ein Anderer die Hand im Spiel habe. —

Er wurde mir ein lieber Mitarbeiter. Sein Herz und Dienst gehörten nun dem Herrn Jesus. Und weil seine Liebe nun mal die Trommler- und Pfeiferchöre waren, gründete er auch bei mir einen Chor. Nie werde ich vergessen, wie der zum ersten mal auszog: Vorne ungeheueres Getöse, und hinterher lief eine wackere Schar Männer und verteilte Traktate. So wurde dem Evangelium eine Bahn gebrochen in diesem toten Bezirk.


Quelle:
Ein Auszug aus „Unter Menschen, kleine Erzählungen, Fünfte Folge“ von Wilhelm Busch

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