Welt ging verloren …!

Welt ging verloren auf werden wie Jesus

Es war im Jahre 1915.

Als blutjunger Kriegsfreiwilliger stand ich an der Front. Wir lagen am Kanonberg in der Champagne in einer trostlos zerstörten Gegend.

Am Tag vor Weihnachten kam Post. Ich kriegte auch ein Päckchen. Unter allerlei lieben Gaben war da ein gelber Wachsstock. „Kinder, wir machen uns einen Weihnachtsbaum!“ hieß es, als man den Wachsstock in meiner Hand sah.

Am Morgen des Heiligen Abends zog ich mit meinen Kammeraden los, um den Weihnachtsbaum zu suchen. Wie glücklich waren wir, ein kleines grünes Sträuchlein zu finden! Mit großer Liebe pflanzten wir es in eine Konservenbüchse. Mit mehr Geduld als Geschick wurde der Wachsstock zerschnitten und jedes Lichtlein mit einer Stecknadel an einen Zweig gespießt.

Und dann kam der Heilige Abend. Draußen war es ruhig. Nur hier und da bellte ein verlorener Schuss durch die Nacht. Jetzt sollte unsere Feier losgehen.

Ach, sie missriet völlig! Am Nachmittag war uns eine große Korbflasche Schnaps geliefert worden. Diesem Gift hatten die Männer schon kräftig zugesprochen, dass ein böser Geist herrschte. Ich versuchte zu retten, was zu retten war. Die Kerzen wurden angesteckt, und ich bat: „Lasst uns ein Lied singen!“ Da war nun einer, der wollte uns mit dem Lichterbäumchen knipsen. Bis er endlich alles aufgebaut hatte, waren die kleinen Kerzen ausgebrannt. Dafür war der Unterstand voll beißenden Qualms vom Blitzlicht.

Ach, es missriet alles! Warum? Ich denke heute, wir waren alle heimwehkrank an dem Abend. Kurz, es war trostlos. Und ich lief schließlich in Zorn und Schmerz aus dem Unterstand.

Draußen umfing mich sternhelle Nacht. Weiß leuchtete die aufgewühlte, zerschossene Kalkerde. Armes Land! Hier waren einst reiche Felder und Gärten. Dort unten in der Mulde hatte ein Dorf gelegen. Jetzt zeugten nur noch einige kahle Obstbäume davon. Selbst die Trümmer waren verschwunden, zum Straßenbau verwendet. Vor zwei Jahren hatten dort fröhliche Menschen Weihnachten gefeiert. Wo sind sie nun, die Heimatlosen?

Da höre ich ein Geräusch. Aus dem Offiziersunterstand, der ein paar Schritte nebenan liegt, kommt jemand heraus. Er sieht mich nicht, weil ich im Schatten stehe. Aber ich kann ihn deutlich erkennen. Es ist ein Oberleutnant, der mir immer mächtig imponiert hat. Lange steht er und schaut in die trostlose Nacht. Sieh, denke ich, dem geht’s wie mir. Im Offiziersunterstand sind sie wohl auch alle betrunken. Und jetzt geht auch ihm der ganze Jammer des Krieges auf, dass er ihn fast nicht mehr ertragen kann.

Doch – was hat er denn da? Er zieht unter seinem Umhang ein blitzendes Horn hervor, setzt es an die Lippen. Und nun klingt es unendlich weich und seltsam über das zerschossene, zerstörte Tal:

„O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit…“

Sein Blasen zwingt mich förmlich, den Text leise mitzusprechen. Und alles empört sich in mir. Nein! Nein! schreit mein Herz. Es ist nicht wahr! Hier ein zerstörtes Dorf. Jedes verwüstete Haus ein Strom von Herzeleid. Und dort die trunkenen, heimwehkranken Männer. Und zu Hause die weinenden Frauen, Kinder, die nach ihren Vätern rufen — Blut, Sterben, Jammer … Wie kannst du so blasen: O du fröhliche…? Aber er bläst ruhig weiter. Und es klingt klagend:

„Welt ging verloren…“

Ja, denke ich, das ist nun ganz und gar wahr. So habe ich das noch nie empfunden und gesehen. „Christ ist geboren…“ bläst er in meine Gedanken hinein. So hell, so jubelnd, so schmetternd, das ich aufhorche.

„Christ ist geboren!
Freue, freue dich, o Christenheit!“

Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Das ist Weihnachten, das und nichts anderes:

„Welt ging verloren – Christ ist geboren!
Freue dich, o Christenheit!“


Ein Auszug aus „Unter Menschen, kleine Erzählungen, Fünfte Folge“ von Wilhelm Busch

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