Das kleine Wort „mein“, das ganz groß geworden ist

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Ein altes Predigerehepaar verlebte schon seit Jahren den Sommerurlaub in den Bergen. Bei ihren Spaziergängen lernten sie den Hirtenjungen Sepp kennen. Er kannte seine Schafe genau und wußte alles, was ein Hirtenjunge wissen muss, um vor seinem Bauern zu bestehen. In der Schule gehörte er allerdings nicht zu den schnellen Denkern und hinkte seinen Schulfreunden bedenklich nach. Der alte Prediger unterhielt sich gerne mit den etwas einfältigen, aber immer frohen und freundlichen Jungen.

Als er ihn einmal nach biblischen Geschichten fragte, musste er schmerzlich erkennen, dass Sepp die biblischen Gestalten und Geschehnisse sehr durcheinander brachte, und von Psalmversen hatte er keine Ahnung. Selbst den 23.Psalm kannte er nicht. Und den hätte er als Hirte ja eigentlich auswendig können müssen!

Lieber Junge, das ist doch gar nicht so schwer…

So lag es also nahe, dass der Prediger versuchte, dem Sepp wenigstens den ersten Satz dieses alttestametlichen Liedes beizubringen. Fast jeden Tag besuchte er den jungen Hirten und sprach ihnm Wort für Wort vor. Einmal sagte er: „Lieber Junge, das ist doch gar nicht so schwer, es sind doch nur fünf Worte, die du behalten musst. „Der Herr ist mein Hirte“. Nimm einmal deine Finger zur Hilfe, jeder Finger ein Wort, dann wirst du es leichter begreifen.“

Und tatsächlich, mit diesem Fingerhilfsmittel gelang es. Als die drei Urlaubswochen zu Ende gingen, hatte Sepp sein Hirtengebet gelernt. Darüber freuten sich der Prediger und sein junger Schüler. Beim Abschiednehmen sagte der alte Prediger väterlich zu seinem jungen Freund: „Das darfst du nie vergessen, Sepp, der Herr ist nicht nur so ein allgemeiner Hirte für alle Menschen, er will dein persönlicher Hirte sein, der dich behütet und bewacht. Wenn du einmal verzagt und ganz allein bist, und keiner dir helfen kann, dann kannst du immer noch beten: „Der Herr ist mein Hirte“. Und es schadet gar nicht, wenn du beim Beten deine Finger zu Hilfe nimmst, damit du die fünf Worte richtig sprichst und betest. Und damit du es nicht vergisst und ganz gewiss glaubst, dass der Herr dein Hirte ist, musst du bei dem Wort „mein“ den betreffenden Finger, und das wird ja der Zeigefinger sein, ganz fest halten. So wahrhaftig und wirklich du deinen Zeigefinger umklammerst, so wahrhaftig und gewiss ist der Herr Jesus, dein Hirte, bei dir.“ Sepp hatte tränen in den Augen und tröstete sich mit dem Gedanken: Im nächsten Sommer kommen die Predigerleute wieder hier in den Urlaub und besuchen mich.

Als im nächsten Sommer die beiden Alten in ihr bekanntes und geliebtes Ferienheim einzogen, war der erste Spaziergang zu der Alm, auf der sie ihren Hirtenjungen anzutreffen meinten. „Ob er den Hirtenvers noch kann?“ meinte der Prediger.

Der Sepp lebt nicht mehr.

Sie fanden die Alm und auch die Herde, nur der Sepp war nicht da. Ein alter Hirte versah sein Hirtenamt und berichtete auf die erstaunte Frage: „Wo ist unser Sepp?“ mit trauriger Stimme: „Der Sepp lebt nicht mehr. Wir hatten im letzten Winter oft furchtbare Schneewetter. Es war am Tag vor Heiligabend. Der Himmel hing voller Schneewolken, schwer und düster. Man ahnte es, bald würde der Schneesturm über das Land rasen. Der Bauer benötigte für ein krankes Rind aus der Stadtapotheke ein wichtiges Heilmittel und befahl dem Sepp, in die Stadt zu laufen und das Medikament zu holen.

Wir haben ihn gewarnt: ‚Mann, gleich wird das Unwetter da sein! Warte noch, in ein paar Stunden ist der Sturm vorüber. Jetzt kann der Sepp unmöglich den Weg machen. Er wird von dem Schneeungestüm überrascht werden.‘ Aber der Bauer, ein harter Mann, hörte nicht auf uns. Der Sepp musste losgehen. Es geschah, was wir geahnt hatten: Sepp kam ins Unwetter, das an jenem Tag besonders wild war. Unmengen von Schnee fielen aus den Wolken, fast war das Dorf von der Umwelt abgeschlossen. Wir riefen den Apotheker an, aber Sepp war nicht in der Stadt angekommen. Als sich der Junge am nächsten Tag immer noch nicht meldete, begann die große Suchaktion. Der Bürgermeister rief alle Männer des Dorfes zusammen und sie durchkämmten nach genauem Plan Felder und Wälder, durch die die Straße zur Stadt führte.

Nach stundenlangem Suchen gab man die Arbeit auf. Man war müde und traurig und kehrte um. Einer von uns versuchte es noch einmal und ging tiefer in den Wald hinein, obwohl die anderen zuriefen,dass der Sepp unmöglich so weit vom Weg abgekommen sein könne. War es die Hand Gottes, die diesen Mann leitete? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich, so schnell ich konnte, durch den hohen Schnee rannte, als mein Freund rief und winkte. Wir fanden den Sepp. Unter einer fast freistehenden Tanne hatte der Junge Zuflucht gesucht. Hier, unter den tief herunterhängenden Ästen fanden wir ihn sitzend, zusammengekauert, tot.“

 Mit der rechten Hand hielt nämlich der Sepp den Zeigefinger der Linken ganz fest umklammert.

Dem alten Hirten liefen die Tränen über die welken Wangen. Er zog sein Taschentuch hervor und wischte sich das Gesicht ab. Dann erzählte er stockend weiter: „Mein lieber Herr, wir haben den Sepp heimgetragen und in seiner alten Wintertracht in den Sarg gelegt. Der Arme hatte ja kein Sonntagsgewand und außerdem wäre es schwer gewesen, ihn umzukleiden.“ — wieder musste der greise Hirte seine Tränen zurückhalten. „Mit der rechten Hand hielt nämlich der Sepp den Zeigefinger der Linken ganz fest umklammert. Wir bekamen die beiden Hände nicht auseinander. So lag der Junge im Grab, so haben wir ihn begraben.“

Nun musste auch der alte Prediger über die Augen wischen. Er wusste, in jener Schnee- und Sturmnacht, dort unter der Tanne, hatte der Sepp in seiner Angst und Herzensnot gebetet: „Der Herr ist mein Hirte“. Und in des Hirten Arm und Schoß wurde der Junge heimgetragen, wo er mit den Engeln mitsang und keine Mühe mehr hatte, die Psalmlieder zu lernen und zu behalten.

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