Werden Sie mir vergeben?

Vergebung ist kein Gefühl, sondern ein Akt des Willens.

Während die Menschen wortlos den Raum verlassen, kämpft sich ein Mann durch die Menge nach vorne. Sofort schossen ihr Bilder durch den Kopf, sie erkannte sein Gesicht: Brauner Filzhut, Mantel, blaue Uniform und ein Barett mit Totenschädel und gekreuzten Knochen.

Diese Frau, Corrie Ten Boom, schildert später in ihrem Buch „Die Zuflucht“: „Ich sah den großen Raum, in dem wir uns nackt ausziehen mussten. Die Schuhe, die Kleider am Boden. Wir mussten nackt an ihm vorbeigehen. Ich erinnere mich an die Scham, ich erinnere mich an meine ausgemergelte Schwester, deren Rippen deutlich unter der pergamentartigen Haut hervortraten.“

Ihre Schwester und sie, Corrie, waren im KZ, weil sie Juden bei sich versteckt hielten. Die Schwester überlebte diesen Mann und das Regime nicht. Jetzt stand sie zum ersten mal ihrem Häscher gegenüber, sie erinnerte sich an seine Jagdpeitsche in seinem Gürtel und ihr Blut schien zu gefrieren. Er trieb die Menschen in die Gaskammer.

Er sagte: „Sie sprachen von Ravensbrück. Ich war Wächter dort.“ Er fuhr fort: „Ich bin Christ geworden.“ Er streckte mir seine Hand entgegen und fragte: „Werden Sie mir vergeben?“

Corrie blieb wie angefroren stehen. In Gedanken blitzt ihre Schwester hervor, elendig und langsam verreckend. Corrie kämpft in ihrem Inneren mit dem Schwersten und erinnert sich an die Worte von Jesus:

Wenn ihr den Menschen ihre Sünden nicht vergebt, dann wird der Vater im Himmel auch euch nicht vergeben!

— MATTHÄUS 6,15

Eine schier unerfüllbare Forderung.

Nach dem Krieg hatte Ten Boom ein Heim für Naziopfer eröffnet. Sie lehrte über Vergebung, erlebte wie Menschen frei wurden von der Bitterkeit, egal welche körperliche Schäden sie hatten. Doch jetzt wurde all das relativiert, in dem Moment, wo dieser Mann mit seinem wohlwollenden Gesicht vor ihr stand und ihre eigene Vergebung herausforderte. Er war der Mörder ihrer Schwester. Kälte umklammerte ihr Herz und sie schreibt: „Doch Vergebung ist kein Gefühl, sondern ein Akt des Willens. Ich betete und hob die Hand. Ich betete darum, dass Gott mir das Gefühl der Vergebung schenken möge. Mit einer mechanischen Bewegung legte ich meine Hand in die Hand, die sich mir entgegenstreckte.“

In dem Moment, wo sie seine Hand ergriff, geschah Unglaubliches. Eine riesige Last fiel von ihren Schultern, ihr ganzes Sein wurde von dieser heilenden Wärme durchflutet. Sie hatte Tränen in den Augen und fiel diesem ehemaligen Peiniger in die Arme und sagte: „Ich vergebe dir, Bruder! Ich vergebe dir von ganzem Herzen.“

Corrie Ten Boom schreibt abschließend unter dieses Zeugnis von unglaublicher Liebe, dass sie niemals die Liebe Gottes so erlebt hatte, wie damals in diesem Moment.

Biblische Wahrheiten stehen fest und bewahrheiten sich in unserem Leben. Derjenige der vergibt, kann wirklich frei sein. Derjenige der nicht vergibt, der wird darin verbittern. Was wären alle Argumente für die Glaubwürdigkeit der Bibel oder die Existenz Gottes, ohne das Glaube wirklich gelebt wird? Gott beweist sich dadurch, dass er Menschen Dinge vollbringen lässt, die unmenschlich erscheinen. Vergebung – so wie Corrie Ten Boom in dieser Geschichte – ist etwas, das Gott in uns schafft und uns befreit. Diese Tatsache bewahrheitet sich in deinem ganzen Leben.


Quelle:
DENKANSTÖSSE, 33 Argumente für Gott – SoulBooks.de

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Kommentar (1)

  1. Laura

    Ich freue mich sehr diesen Artikel hier zu lesen. Ich kannte ihn zwar schon, aber umso schöner ist es, dass jetzt noch mehrere Corrie ten Boom kennenlernen. Sie war eine bemerkenswerte Mitstreiterin Jesu Christi und umso bedauernswerter ist es, dass sie bei vielen in Vergessenheit geraten ist, oder viele gar nichts mit diesem Namen anfangen können.

    Ich war bereits in zwei Konzentrationslagern. Als ich vor kurzer Zeit in Dachau war, habe ich mir die Gaskammern, die Öfen und die Umrisse der Baracken angeschaut. Als ich so über den Platz ging habe ich mich gefragt: „Gott, wo warst du? Haben die Menschen überhaupt nach dir gefragt? Hast du davon Kenntniss genommen, was hier den Menschen alles angetan wird?“

    Die Geschichte von Corrie ten Boom ist das beste Beispiel dafür, dass Gott auch in den Konzentrationslagern anwesend war und dort Seelen errettet hat. Er hat Corrie gebraucht, um in den Baracken das Evangelum zu verkündigen und er war das einzige Licht in all der Dunkelheit.
    Es gibt auch einen sehr empfehlenswerten Film über Corrie. Er heißt genauso wie ihr Buch „Die Zuflucht“: http://de.gloria.tv/?media=324909
    Durch den Film kann man sich die Grausamkeit noch viel besser vorstellen, aber auch die Größe und Macht von Gottes Eingreifen und Wirken.

    Von ihr stammen unter anderem die Aussprüche: „Mach dir keine Sorgen, wenn du in der Bibel etwas nicht begreifst. Doch sorge dich um das, was du verstanden hast, ohne danach zu leben.“ oder auch: „Gott legt uns nicht eine Last auf, um unseren Rücken zu brechen, sondern um unsere Knie zu beugen.“
    Möge sie uns als Vorbild im Kampf für Jesus dienen.

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