Weihnachten in Stalingrad

Werden wie Jesus Weihnachten in Stalingrad

Kalter Dezemberwind fegt über den Haupverbandsplatz. Er ist beängstigend überfüllt, ständig kommen Neuzugänge. In der Nacht waren wir eingeliefert worden. Wir froren jämmerlich. Als Schwerverwundete hatte man uns in Zelten untergebracht. Schließlich wurden wir in einen Erdbunker verlegt. Hier lagen wir im Halbdunkel wie die Heringe nebeneinander, verschmutzt und verlaust. Seit Wochen hatten wir kein Wasser mehr gesehen. Tagesverpflegung: Kaffeebrühe, 2 Scheiben Brot und etwas Pferdefleischbrühe.

Unsere Armee war von den Feinden eingekesselt und die gesamte Versorgung nur durch Flugzeuge möglich, alle anderen Verbindungen waren abgeschnitten. Waffen, Munition, Verpflegung, Verbandstoffe usw., alles konnte nur noch auf dem Luftweg eingeschleust werden.

Weihnachten stand vor der Tür. Die Gedanken der Söhne und Familienväter waren in der fernen Heimat. Ob wir sie und unsere Lieben jemals wiedersehen würden? Drohend heulten die Granaten über uns hinweg. Schwerer Druck lastete auf den Gemütern. Wann kommt der Einsatz? Er kam nie… Weihnachtswünsche? Nur heraus aus diesem Elend! Am Endbahnhof außerhalb des Kessels türmten sich die Liebesabsendungen der Heimat zu Bergen. Sie haben ihre Empfänger nie erreicht. Die Flieger hatten wichtigeres zu befördern. Wir aber hungerten.

Der Heilige Abend war angebrochen. An keinem Tag des ganzen Jahres sehnt sich der Mensch mehr nach Hause als an diesem. Bei uns gab es Sonderzulage: eine Rolle Drops und eine Kerze. Das war alles. Nur eine Scheibe Brot mehr als Zulage, wenn wir sie bekommen hätten! Ach ja, das teure, das heilige Brot. Jetzt lernten wir diese köstliche Gottesgabe erst richtig schätzen. Aber es musste eisern gespart werden.

Die wenigen Seelsorger waren zur kämpfenden Truppe gegangen, um ihr beizustehen. Es gab keine Feier, gar nichts. Im finsteren Bunker entzündeten wir die Kerzen. Dann stimmten einige raue Männerstimmen die alten vertrauten Weihnachtslieder an, andere fielen ein. Es war der Gesang der Hoffnungslosen, abgeschnittenen von der Außenwelt, in einem großen Gefängnis.

Einer der Kammeraden, er war Katholik, erhob sich: „Ist es euch recht, wenn ich euch das Weihnachtsevangelium vorlese?“ Allgemeines zustimmendes Gemurmel. Dann erklang die Botschaft:

Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids

— LUKAS 2,10-11

Lautlose Stille im Raum, manche hörten die Gottesbotschaft zum letzten mal. Er selbst Jesus, war unter uns getreten, mitten in unsere Finsternis hinein, hin zu den Schwerverwundeten und Todkranken. Er hatte sich herabgeneigt zu dem elenden Haufen in dem kalten Erdbunker.

Wie eine stille Geborgenheit kam es über uns Wehrlose. Zu keiner Stunde unseres Lebens war uns die frohe Botschaft so nahegekommen wie an diesem Heiligen Abend, da wir so arm geworden waren wie noch nie. „Fürchtet euch nicht, ich verkündige euch große Freude…“

Das war Weihnachten 1942. Wer sie überlebt hat, wird sie niemals vergessen.

Das Weihnachtsfest liegt vor uns. Was wollen wir empfangen? Nur die vergänglichen Gaben? Sonst nichts? Haben wir ein Ohr für Gottes Stimme und ein aufgeschlossenes Herz für seine Gabe? Denn

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben

— JOHANNES 3,16


Quelle:
Evangeliumsposaune Nr. 52, 1965
Aktuelle Seite: www.evangeliumsposaune.org

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